| 4. |
Fünf Bedeutungsebenen von Islam |
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4.1. Die lexikalische Bedeutung
4.2. Islam als Urreligion
4.3. Islam als letzte Offenbarung
Gottes an den Propheten
Muhammad
(D)
4.4. Islam als historische und kulturelle
Größe
4.5. Der Islam als Projektion |
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Es ist in der Tat sehr schwierig, alles
was mit Islam in Verbindung gebracht wird, differenziert
zu betrachten und richtig einzuordnen. Seien es irgendwelche
Traditionen, wie z.B. die Beschneidung der Mädchen,
Kriege oder Terrorakte; sobald sie in den sogenannten
islamischen Ländern geschehen, werden sie als typisch
islamisch dargestellt. Dass diese Vorgehensweise falsch
ist, wird weiter unten deutlich werden. Hier soll nun
ein Hilfsmittel für eine Differenzierung verschiedener
Phänomene geliefert werden.

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| 4.1. |
Die lexikalische Bedeutung
Islam
bedeutet wie bereits geklärt Gottergebenheit.
So ist z.B. am Eingang über der Tür der Zentrumsmoschee
in Hamburg der Koranvers: inna 'd-Dina 'inda Allahi
'l-Islam in arabisch, deutsch, türkisch und
englisch mit Wahrlich, die Religion bei Gott ist
die Gottergebenheit richtig übersetzt worden.
Ein weiterer Koranvers könnte ebenfalls
als Beispiel dienen: Sprich: Wir glauben an Gott
und an das, was auf uns herabgesandt worden ist und
was herabgesandt wurde zu Abraham und Ismael und Isaak
und Jakob und den Nachfahren, und was gegeben wurde
Moses und Jesus und (anderen) Propheten vom ihrem Herrn.
Wir machen keinen Unterschied zwischen ihnen, und Ihm
ergeben wir uns (= Muslim). Und wer eine andere Glaubenslehre
als die Gottergebenheit (= Islam) begehrt, nimmer soll
sie von ihm angenommen werden, und im zukünftigen
Leben soll er unter den Verlierenden sein. (3:85-86).
In Anbetracht der Tatsache, dass nach
islamischer Auffassung Tauhid das wichtigste Glaubensprinzip
ist, so dass von der Einheit Gottes, der Einheit der
Menschheit und von der Einheit in der Schöpfung
die Rede ist, gewinnt Islam eine Bedeutung,
die mehr als die Einheit der gottergebenen
Menschen darstellt. Alles was existiert (also auch ein
Baum, ein Regentropfen, der Wind usw.), praktiziert
den Islam, solange es seiner Bestimmung, d.h. dem Plan
Gottes folgt, was wir ohne weiteres als die von Gott
eingesetzten Naturgesetze bezeichnen können.
Selbst Sonne und Mond praktizieren Islam. Somit ist
jeder natürliche Prozess (z.B. Tag und Nacht) und
jede natürliche Handlung = Islam.
Der pakistanische Gelehrte Maududi schreibt
in seinem Werk Weltanschauung und Leben im Islam
zu der Frage Was ist Islam? unter anderem:
Sogar ein Mensch, der sich weigert, an Gott zu
glauben, oder ein Idol anbetet, muss gezwungenermaßen
ein Muslim sein, soweit es seine körperliche
Existenz betrifft. Denn während seines gesamten
Lebens, vom Stadium als Embryo bis zur körperlichen
Auflösung nach dem Tod, folgt jede Zelle seiner
Muskeln und jedes Glied seines Körpers den für
sie vorgeschriebenen Gesetzen Gottes. Selbst seine Zunge,
die aufgrund seiner Unwissenheit Gott verneint oder
eine Vielzahl von Gottheiten preist, ist ihrer eigensten
Natur nach ein Muslim .

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| 4.2. |
Islam als Urreligion
Die
zweite hier vorgestellte Bedeutungsebene von Islam
bezieht sich auf das Wesen und den Kern jeder Religion.
In der Religionswissenschaft, aber auch
in der Religionsethnologie wird die Frage gestellt,
ob die Menschheit ursprünglich polyatheistisch
oder monotheistisch gewesen ist. Aus islamischer Sicht
ist es etwas völlig natürliches, dass es Gemeinsamkeiten
zwischen den menschlichen Kulturen und Religionen gibt,
denn laut Koran wurden zu allen Völkern zu verschiedenen
Zeiten Gesandte Gottes geschickt mit der Botschaft Gottes
in der jeweiligen Sprache des Volkes, und jedem Volke
wurden je eigene Andachtsübungen aufgetragen.
Ein weiterer Aspekt, der in diesem Zusammenhang erwähnt
werden muss, ist die Tatsache, das aus islamischer Sicht
jeder Mensch mit der natürlichen Veranlagung
der Gottergebenheit geboren wird. Somit sind alle Kinder
von Geburt an Muslime.
Islam bekommt hier also eine
umfassendere Bedeutung, da Gott kein Volk ohne Rechtleitung
gelassen hat. Wie im oben zitierten Vers 3:85 zu lesen
ist, glauben die Muslime (Gottergebene) auch an das,
was den anderen Propheten von dem einen Gott gegeben
wurde. Somit sind auch die anderen Propheten, z.B. Adam,
Noah, Abraham, Moses und Jesus , nach islamischem Selbstverständnis
Muslime (Gottergebene), und das, was sie verkündet
haben, ist nichts anderes als Islam (Gottergebenheit).
Jesus z.B. spricht in Sure 3:52: Wer sind meine
Helfer zu Gott ? Die Jünger sagten: Wir sind die
Helfer Gottes. Wir glauben an ihn. Bezeuge, dass wir
(ihm) ergeben sind (vgl. auch 61:14).
Aber nicht nur der Glaube an alle Propheten
und Offenbarungen bildet eine gemeinsame Grundlage,
sondern auch religiöse Praktiken wie beten und
fasten, sind allen Religionen gemein. Somit ist es möglich,
sogar mit Menschen, die sich als Atheisten bezeichnen,
Gemeinsamkeiten zu finden, da es keine Kultur ohne Religion
gibt und alle Menschen gewissen ethischen Grundlagen
folgen, die auf den Urbund mit Gott zurückzuführen
sind. Schließlich wollen alle Menschen, ob sie
an den einen Gott glauben oder nicht, in Frieden und
in Freiheit leben. Nicht ohne Grund ist der Begriff
Islam für viele Muslime auch identisch
mit dem Begriff Silm (Frieden), der aus der gleichen
Wortwurzel s-l-m gebildet wird.

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| 4.3. |
Islam als letzte Offenbarung
Gottes an den Propheten Muhammad (D)
Diese
Kategorie zeichnet sich dadurch aus, dass nach dem Propheten
Muhammad keine Gesandten mehr kommen werden und die
Offenbarung Gottes ihr endgültiges Stadium erreicht
hat. In dieser Kategorie befinden sich alle religiösen
Praktiken, die sich von den Praktiken anderer Religionsgemeinschaften
unterschieden, wie z.B. das fünfmalige Gebet am
Tag, die Zakat (soziale Pflichtabgabe), das Fasten im
Ramadan, die Pilgerfahrt nach Mekka usw., die alle ihre
speziellen Bestimmungen und Formen haben.
Wenn Muslime von dem Islam
reden, meinen sie meist diese Kategorie, denn hier werden
nur jene Elemente als verbindlich anerkannt, über
die es in allen islamischen Gesellschaften einen Konsens
gibt. Es sind jene religiösen Elemente, über
die es sichere schriftliche Quellen gibt, die dem Koran
nicht widersprechen und die in ihrer Mehrheit offenkundig,
klar und gut verständlich sind und somit als Grundlage
des islamischen Glaubens dienen können (siehe näheres
dazu, weiter unten unter 7. und 8.).
Als erste und wichtigste Quelle kommt
der Koran, dessen Überlieferung und schriftliche
Zusammenstellung als unverfälscht gilt, das mit
dem arabischen Begriff mutawatir bezeichnet
wird. Das bedeutet, dass der Koran seit seiner Offenbarung
an den Propheten Muhammad keine Veränderung durchgemacht
hat und dass sein Text von unzähligen Gefährten
des Propheten, genauso wie er uns heute vorliegt, auswendig
gelernt, niedergeschrieben und auf verschiedenen Wegen
überliefert worden ist. Darüber sind sich
selbst nichtmuslimische Orientalisten einig, zumal mehrere
Funde belegen, dass diese mit unserem heutigen Koran
identisch sind. Der einzige Unterschied liegt darin,
dass für nichtmuslimische Orientalisten, der Koran
keine göttliche Offenbarung ist, sondern die Worte
eines Genies namens Muhammad (siehe näheres zum
Koran, unten unter 5.).
Die nächste Quelle wäre die
Sunna des Propheten, die aus den verschiedenen Hadithsammlungen
(Überlieferungen) gewonnen wird.
Der
Begriff Sunna wird im Koran ausschließlich
für das Verfahren, bzw. Vorgehen
Gottes benutzt . Dieser Begriff ist vorkoranischen
Ursprungs, so dass schon die heidnischen von ihm gebraucht
machten, in dem sie den Gewohnheiten ihrer Vorfahren
folgten, ohne diese zu hinterfragen. Der Koran aber
lehnt diesen heidnischen Brauch ab: Und wenn man
zu ihnen sagt, sie sollen dem folgen, was Gott herabgesandt
hat, sagen sie: Nein, wir folgen dem, was wir
als Glauben und Brauch unserer Väter überkommen
haben. (2:170 f.) Vielmehr verlangt der
Koran: Ihr Gläubigen! Fürchtet Gott
und sagt, was recht ist, dann lässt er euch eure
Werke gedeihen und vergibt euch eure Schuld! Wer Gott
und seinem Gesandten gehorcht, dem ist großes
Glück zuteil geworden. (33:71)
Gott ruft die Menschen auf, sowohl seiner
Offenbarung zu folgen, als auch seinem Gesandten:
Sprich: Wenn ihr Gott liebt, so
folgt mir. Lieben wird euch Gott und euch eure Sünden
vergeben; denn Gott ist vergebend, barmherzig. Sprich:
Gehorcht Gott und dem Gesandten... (3:30 f.) .
Jene, die dem Gesandten folgen, dem des Lesens
und Schreibens unkundigen Propheten, dessen Eigenschaften
sie bei sich erwähnt finden, in der Thora und im
Evangelium . Er gebietet das Rechte und verwehrt ihnen
das Unrecht, und er erlaubt ihnen das Gute und verbietet
ihnen das Schlechte... (7:157 f.).
Sprich: Oh ihr Menschen. Ich bin wahrlich der
Gesandte Gottes für euch alle... (7:158 f.).
Wahrlich, ihr habt an dem Gesandten Gottes ein
schönes Vorbild für jeden, der auf Gott und
den Jüngsten Tag hofft und Gott häufig gedenkt.
(33:21).
...Und was euch der Gesandte gibt, das nehmt an;
und was er euch untersagt, dessen enthaltet euch...
(59:7).
Die Sunna, d.h. die Lebenspraxis des Propheten,
lässt sich in zwei Kategorien einordnen. Die eine
Kategorie lässt sich unterteilen in persönliche,
kulturelle und normative Sunna. Die andere lässt
sich unterteilen in das, was der Prophet gesagt, getan
und gebilligt hat.
a) Zur Verdeutlichung der persönlichen
Sunna des Propheten können Beispiele dienen wie,
dass der Prophet Datteln mochte oder das er kein Knoblauch
oder keine Zwiebeln aß. Wer der persönlichen
Sunna des Propheten folgen möchte, darf dies ohne
weiteres tun. Nur darf die persönliche Sunna nicht
verallgemeinert und zur Norm erklärt werden.
b) Zur kulturellen Sunna gehören alle die Dinge,
die für den Lebensraum der damaligen Muslime auf
der arabischen Halbinsel typisch waren, wie z.B. mit
der Hand zu essen. Auch das Befolgen dieser kulturellen
Sunna ist jedem frei gestellt, darf aber ebenfalls nicht
verallgemeinert werden. Auf der anderen Seite sei darauf
hingewiesen, das bestimmte Kulturelemente durchaus auch
ihre Daseinsberechtigung haben, solange ihr Sinn nachvollzogen
werden kann. Das Essen mit der rechten Hand macht nämlich
nur dann einen Sinn, wenn vor und nach dem Essen die
Hände gewaschen werden und die Reinigung nach dem
Stuhlgang mit Wasser immer mit der linken Hand vorgenommen
wird. Diese Gewohnheit hat also einen bestimmten Grund
und Sinn.
c) Die normative Sunna dagegen ist eine Ausnahme. Sie
sollte von allen Muslimen befolgt werden. Dass der Prophet
z.B. arabisch sprach und der Gebetsruf auf arabisch
war, soll die Muslime nicht dazu veranlassen, dies auf
den arabischen Kulturraum zu beschränken, sondern
ist eine Sunna, die sich über Raum und Zeit hinwegsetzt
und somit überall wo Muslime sind, zur Praxis gehört.
In der Befolgung der Sunna des Propheten
sehen die Muslime besonders den Sinn, dass er als Gesandter
Gottes, der den Koran empfangen hat, Gott am besten
gedient und somit eine besondere Vorbildfunktion hat.
Eine
weitere Besonderheit der Sunna ist, dass es viele Situationen
gab, wo der Prophet die Offenbarungen erläutern
oder ergänzen musste. Z.B. in Bezug auf das Gebet:
Der Koran gibt keine direkten Anweisungen wann, wie
oft und wie gebetet werden soll. In einer Überlieferung
heißt es dagegen: Betet so, wie ihr mich
beten gesehen habt . Ein anderes Beispiel sind
die Anweisungen des Propheten zur Zakat (soziale Pflichtabgabe),
zu ihrer Höhe und über die Besitztümer,
auf die Zakat fällt.
Was nun den Begriff Hadith
angeht, was Erzählung, Bericht bedeutet,
so wird dieser häufig als Synonym für Sunna
benutzt. Einerseits wird eine bestimmte Überlieferung
als Hadith bezeichnet, andererseits die Gesamtheit der
Traditionen, die auf den Propheten zurückgeführt
werden.
Wo anfangs die Traditionen noch mündlich
überliefert wurden, hat es ab dem 8. Jh. umfangreiche
Niederschriften des gesammelten Materials gegeben:
Die Muwatta des Malik ibn Anas (gest.
795) ist das älteste Rechtskompendium, das uns
erhalten ist, was gesammelte Hadithe enthält. Das
Werk ist im musannaf Form aufgebaut (d.h. geordnet nach
Themen). Dann folgt das Werk von Ahmad ibn Hanbal (gest.
857), welches das älteste und berühmteste
musnad Werk ist (geordnet nach Überlieferern).
Die berühmtesten sunnitischen Werke
sind die Ìahihan, von alBuhari (gest. 870) und
Muslim (gest. 874), dann folgen die Sunan Werke von
Ibn Magah (gest. 866), Abu Daud (gest. 888), at-Tirmiyi
(gest. 892), an-Nasai (gest. 915), adDarimi (gest. 868)
und adDaraqutni (gest. 997).
Die berühmtesten schiitischen Hadithsammlungen
sind von al-Kulaini (gest. 941), as-Sudduq (gest. 991)
und at-Tusi (gest. 1067).
Im Hadith gibt es verschiedene Kategorien,
nach der die Richtigkeit einer Überlieferung eingeschätzt
wird, wobei eine Überlieferung zwei Teile hat:
a) Inhalt
b) Überliefererkette
a) Eine
Überlieferung gilt als echt bzw. gesund,
wenn man gegen die Überliefererkette keine Bedenken
hat und der Inhalt folgende Kriterien der Textkritik
erfüllt:
1.
Es darf nicht dem Koran widersprechen;
2. Es darf nicht der Vernunft widersprechen;
3. Es darf nicht den Erfahrungen widersprechen;
4. Es darf nicht den Tatsachen widersprechen;
5. Es darf keine unsinnigen Aussagen
enthalten, welche man vom Propheten nicht annimmt;
6. Es darf keiner anderen gut belegten
Überlieferung widersprechen;
7. Es darf keine unanständigen
Reden enthalten.
Eine Kategorie darunter befindet sich
eine Überlieferung, die als gut oder
schön bezeichnet wird, in deren Überlieferungskette
und/oder Inhalt man aber geringfügige Schwächen
vermutet.
Als schwache Überlieferungen
werden jene bezeichnet, wo man an der Überliefererkette
und/oder Inhalt starke Bedenken hat.
Außerdem gibt es noch eine Menge
von Überlieferungen, die man ablehnt, weil sie
als Fälschung entlarvt wurden.
b) Was die
Überlieferungskette anbetrifft, sind folgende Kriterien
zu befolgen:
1. Sicher ist eine Überlieferung,
wenn sie von mehreren Seiten her überliefert wurde
und die letzte Person in der Überlieferung (der
Informant) Kontakt zum Propheten hatte. Nur diese Texte
dürfen als Grundlage für die islamische Glaubenslehre
verwendet werden.
2. Sicher ist eine Überlieferung, wenn sie auf
mindestens drei verschiedenen Wegen überliefert
wurde.
3. In die nächste Kategorie gehört eine Überlieferung,
die von mindestens zwei verschiedenen Überlieferungswegen
vermittelt wurde.
4. In die unterste Kategorie gehört eine Überlieferung,
die von nur einer Quelle stammt .
5. Eine weitere Kategorie ist eine Überlieferung,
die nicht bei einem Prophetengefährten endet, sondern
in einer der Nachfolgegenerationen und/oder deren Inhalt
Zweifelhaftes enthält.
Es geht in dieser Bedeutungsebene von
Islam auch wenn hier nur einige Merkmale
der islamischen Lehre genannt wurden nicht um äußere
Erscheinungen (Muslime beten zwar auch, aber doch anders
als Christen), mit denen sich der Islam
definiert. Viel wichtiger ist es den Dingen auf den
Grund zu gehen und über ihren Sinn nachzudenken.
Deswegen sind in dieser Bedeutungsebene von Islam besonders
die Primärquellen Koran und Sunna näher erläutert
worden.
Wir können nämlich erst dann sagen, dass wir
dieses oder jenes verstanden haben, wenn wir den Sinn
dessen nachvollziehen können. Es genügt nicht
zu sagen: Ich weiß, dass Muslime fünfmal
täglich beten. Viel wichtiger ist es zu wissen,
warum und was Muslime beten.

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| 4.4. |
Islam als historische und kulturelle
Größe
Wir
beobachten heute eine kulturelle Vielfalt unter den
Muslimen, die durch historische Entwicklungen und vorislamische
Traditionen beeinflusst ist. Die ersten Muslime sind
bereits im 7. Jh. aus der arabischen Halbinsel heraus
in nichtislamische Länder gegangen. Dabei wurden
sie von verschiedenen Motiven angetrieben. Die einen
reisten, um den Islam zu verkünden, andere reisten
für Handelszwecke und wieder andere dem Ausspruch
des Propheten folgend, nach Wissen zu suchen, selbst
wenn es in China wäre um Wissen zu erwerben.
Der Islam ist nach Afrika und Asien hauptsächlich
über die sogenannten Wanderprediger (Mystiker)
und Händler gelangt. Eine Ausbreitung des islamischen
Glaubens durch Kriege hat es nie gegeben. Die kriegerische
Ausbreitung des politischen Machtbereichs hatte niemals
die Bekehrung anderer zum Ziel. So haben
die Muslime in vielen Ländern, in denen sie herrschten,
über mehrere Jahrhunderte hinweg, als Minderheit
gelebt. Die Geschichte Andalusiens ist ein Zeugnis islamischer
Toleranz gegenüber Juden und Christen, die in der
Menschheitsgeschichte, bis heute, seinesgleichen sucht.
Häufig werden von Nichtmuslimen,
historische Vorfälle oder kulturspezifische Eigenarten
eher mit Islam in Verbindung gebracht, als
die Lehre an sich, da diese den meisten fremd ist. Allein
in der Bundesrepublik Deutschland leben heute mehr als
drei Millionen Muslime aus insgesamt 42 verschiedenen
Ländern. Diese Muslime brachten nicht nur unterschiedliche
Eßgewohnheiten mit, sie haben auch verschiedene
Sprachen und Traditionen mitgebracht. Trotz der nationalen
und kulturellen Unterschiede begreifen sich aber alle
als Muslime. Den Islam in der Bundesrepublik nun an
den unterschiedlichen muslimischen Gesellschaften zu
messen, ist in der Tat ein schwieriges, wenn nicht unmögliches
Unterfangen. Viel einfacher und auch viel wichtiger
ist es, diese Vielfalt unter den Muslimen, an der islamischen
Lehre zu messen, die sich vor allem nach Koran und Sunna
zu richten hat.
Es darf und kann nicht alles, was z.B.
aus der Türkei kommt, als Islam bezeichnet
werden. Genauso wenig wäre es richtig, alles was
aus den USA oder aus Russland kommt, als Christentum
zu bezeichnen.

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4.5. |
Der Islam als Projektion
Bekannte und vor allem aktuelle Themen
wie z.B. der Heilige Krieg, Fundamentalismus
und die Frauenfrage werden häufig in
einem Atemzug mit dem Islam genannt. Für viele
Menschen sind diese am interessantesten, weil sich ihr
Wissen meist nur auf sie beschränkt, wobei hier
nicht von einem wissenschaftlich fundiertem Wissen die
Rede sein kann, sondern eher von unreflektierten quantitativen
Informationen. Außerdem sind diese genannten Phänomene
Produkte der eigenen europäischen Kultur und somit
nichts unbekanntes:
a) Heiliger Krieg
b) Fundamentalismus
c) Die Frau im Islam
a) Heiliger Krieg
Der Heilige Krieg ist ein aus der christlichen
Geschichte stammender Begriff und ist dem Islam fremd.
Kein Krieg kann heilig sein! Auf arabisch würde
man zu so einem Krieg Harb Qudsi sagen, wobei dieser
Begriff keine Verwandtschaft mit dem Begriff Cihad hat.
Der Begriff Cihad im Koran häufig
in Verbindung mit ...fi sabil Allah (...auf dem Wege
Gottes) vorkommend hat in seiner Wortwurzel die Bedeutung
von sich bemühen, sich anstrengen, streben,
kämpfen und wird im Deutschen oft falsch
als Heiliger Krieg wiedergegeben. Diese
falsche Bezeichnung basiert auf dem europäischen
Verständnis von Cihad, wobei Cihad im islamrechtlichen
Sinne kein räumlich und/oder zeitlich begrenztes
kriegerisches Unternehmen im Namen des Islam (auf staatlicher
Ebene) bezeichnet, so wie es im Christentum in der Zeit
der Kreuzzüge der Fall war. Es gibt auch keine
Cihade im Plural, wie Heilige Kriege, da
das Wort keinen Plural kennt.
Die Formulierung persönlicher Einsatz
oder Kampf, und zwar für die
Sache Gottes oder Mühe aufwenden auf
dem Wege Gottes mit personellen und materiellen Opfern
trifft eher zu, wobei auch die Pilgerfahrt und das rituelle
Gebet als Cihad gelten. Außerdem ist bei dem Begriff
auffällig, dass er etwas bezeichnet, was für
und nicht gegen etwas gerichtet ist. Deswegen
ist Heiliger Krieg gegen Ungläubige
eine völlig falsche Übersetzung.
b) Fundamentalismus
Auch der Fundamentalismus
ist ein aus dem christlichen Kulturkreis stammender
Begriff . Dieser wird heute häufig mit einem Atemzug
mit Islam genannt, ist der islamischen Lehre jedoch
fremd. Ein Synonym dazu ist der Islamismus,
wobei besonders muslimische Intellektuelle, die den
Westen kritisieren, als Islamisten
bezeichnet werden. Unter diese beiden Begriffe werden
all jene zusammengefasst, die auf irgendeine Art und
Weise, allen unislamischen Einflüssen gegenüber
Kritisch gegenüberstehen. Aber auch Muslime, die
einfach nur ihre religiösen Pflichten wie beten
und fasten befolgen, werden nicht selten als Fundamentalisten
bezeichnet.
Da jedoch auch dieser Begriff zu falschen
Assoziationen führen kann, sollten Muslime die
Identifikation damit meiden.
Der Islam lehnt jede Form des Extremismus ab und lässt
Gewalt nur als Mittel der Verteidigung zu.
Selbst in Extremfällen, wie z.B. Kriegen, gibt
es im Koran und in der Sunna Vorschriften, das
Maß nicht zu überschreiten. Eines der
wichtigsten Ziele menschlichen Handelns sollte die Herstellung
von Frieden sein. Wir lesen im Koran: Und wenn
sie sich dem Frieden zuneigen, dann neige auch du dich
ihm zu, und lass vom Kampf (gegen sie) ab! (8:61).
c) Die Frau im Islam
Die
Frau im Islam ist eines der begehrtesten Themen,
über die in nichtislamischen Kreisen diskutiert
wird, wobei davon ausgegangen wird, dass der Islam
die Frau unterdrücke und dem Mann mehr Rechte gebe,
als der Frau. Muslime weisen dieses aus dem Mittelalter
stammende Vorurteil zurück . Vielmehr sind Mann
und Frau vor Gott, sowohl in religiöser als auch
in geistiger Hinsicht gleichwertig. Rechte und Pflichten
von Mann und Frau sind im Koran offenbart: Und
die gläubigen Männer und Frauen sind untereinander
Freunde. Sie gebieten was recht ist und verbieten was
verwerflich ist, verrichten das Gebet, geben die Zakat
und gehorchen Gott und seinem Gesandten. Ihrer wird
sich Gott erbarmen.... (9:71)
Eine Benachteiligung von Mädchen
bzw. Frauen würde der Gerechtigkeit Gottes widersprechen.
Männer und Frauen ergänzen sich in ihrer gemeinsamen
Verantwortung für Familie und Gesellschaft. Mann
und Frau können sich keine Befehle erteilen, außer
in religiösen Angelegenheiten. Außerdem tragen
beide die Verpflichtung dazu, den jeweils anderen für
religiöse Verfehlungen zurechtzuweisen. Außer
dem Recht auf sexuelle Beziehung, auf die beide in gleicher
Weise Rechtsanspruch haben, kann der Mann rechtlich
von seiner Frau nichts verlangen, auch keinerlei Dienste.
Die Frau hingegen darf für jede Dienstleistung
sogar für das Stillen ihrer Säuglinge Geld
verlangen. Im Falle einer Ehe, hat die Frau das Recht
auf einen Ehevertrag. Des weiteren gesteht der Islam
beiden Geschlechtern das Recht auf Scheidung zu.
Die Kopfbedeckung (Thema Kopftuch)
wird in nichtislamischen Kreisen als Symbol der
Unterdrückung verstanden, wobei auch hier
negative Erfahrungen aus der eigenen europäischen
Kulturgeschichte auf den Islam übertragen werden.
Vielmehr symbolisiert die Bedeckung der Scham im Islam,
genau das Gegenteil dessen:
Menschen (d.h. Frauen wie Männer)
tragen in Extremzonen Kleidung, die sie vor Kälte
oder vor Hitze und Staub schützen. Dies ist ein
kulturelles Merkmal, das in vielen auch nichtislamischen
Gesellschaften zu beobachten ist. Somit hat die Bedeckung
des Körpers einen Schutzaspekt.
Vor der Zeit der Offenbarung des Koran
hatten die Frauen in der arabischen Gesellschaft (eigentlich
auch in anderen Gesellschaften) kaum Rechte. Z.B. durften
Sklavinnen und Prostituierte keine Kopfbedeckung tragen,
damit man sie als rechtlose und unfreie Frauen
von den anderen unterscheiden konnte obwohl das Tragen
einer Kopfbedeckung im arabischen Kulturkreis üblich
war. Als diese Frauen aber den Islam annahmen und zur
Gemeinschaft der Muslime gehörten, hatten sie 1.
Rechte (z.B. das Recht auf eine Brautgabe, das Recht,
über alles in der Ehe erworbene zu verfügen
(= Gütertrennung), das Recht zu Erben, das Recht
auf Scheidung usw.), und 2. waren sie frei (d.h. sie
wurden von den Muslimen freigekauft und dienten somit
allein Gott und nicht mehr irgendwelchen Herren). Muslim
sein, bedeutet schließlich gottergeben sein.
Somit wurde die Kopfbedeckung zum Symbol der Befreiung
aus der Sklaverei und der Prostitution, aber auch wieder
zum Symbol für den Schutz (durch die
muslimische Gemeinschaft).
Auf diesen Aspekt, nämlich die Frauen
vor Belästigungen zu schützen,
geht der Koran folgendermaßen ein: O Prophet!
Sprich zu deinen Frauen und deinen Töchtern und
zu den Frauen der Gläubigen, sie sollen ihre Übergewänder
über sich ziehen, damit sie erkannt und nicht belästigt
werden. (33:59)
Und schließlich lesen wir im Koran:
O Kinder Adams. Wir gaben euch Kleidung, um eure
Scham zu bedecken und zum Schmuck; doch das Kleid der
Frömmigkeit ist das Beste .
Das
eigentliche Ziel einer solchen Einführung in den
Islam, sollte es sein, den Menschen Muslimen wie Nichtmuslimen
einen Einblick in die Lehre dieser Religion zu verschaffen.
Da es sich wie bei den fünf Bedeutungsebenen um
sehr komplexe Phänomene handelt, die mit Islam
in Verbindung gebracht werden, empfiehlt es sich, einer
bestimmten Methode nachzugehen, an deren Anfang Gott
steht, und nicht der Fundamentalismus oder
irgend ein anderes Phänomen. Denn wenn man das
Christentum erklären möchte, sollte man schließlich
auch nicht mit den Kreuzzügen oder
dem katholischprotestantischen Krieg in Nordirland beginnen.
Diese gehören nämlich in eine völlig
andere Kategorie unserer Menschheitsgeschichte.
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