| 12.01.2009
Die Lügen des Kriegs
Warum Israel den Krieg nicht gewinnen
und die Hamas ihn nicht verlieren kann
Uri Avnery, 12.01.2009
Vor fast 70 Jahren wurde während des Zweiten Weltkriegs in Leningrad ein
abscheuliches Verbrechen begangen. Länger als tausend Tage hielt eine Gang
von Extremisten, die "Rote Armee" genannt wurde, Millionen von
Einwohnern der Stadt als Geiseln und provozierte die deutsche Wehrmacht
aus den Bevölkerungszentren heraus. Die Deutschen hatten keine andere
Möglichkeit, als die Bevölkerung zu bombardieren und sie einer totalen
Blockade auszusetzen, die den Tod von Hunderttausenden verursachte. Nicht
lange zuvor wurde in England ein ähnliches Verbrechen begangen. Die
Churchillbande versteckte sich inmitten in die Londoner Bevölkerung und
missbrauchte Millionen von Bürgern als menschliche Schutzschilde. Die
Deutschen waren so gezwungen, ihre Luftwaffe zu schicken und die Stadt
widerwillig in Schutt und Asche zu legen.

Dies ist die Beschreibung, die jetzt in den Geschichtsbüchern stünde – wenn die Deutschen
den Krieg gewonnen hätten.
Absurd? Nicht absurder als die täglichen Nachrichten unserer Medien, die so oft wiederholt
werden, dass einem speiübel wird: Die Hamas-Terroristen halten die Bewohner des
Gazastreifen als "Geiseln" und benützen die Frauen und Kinder als "menschliche
Schutzschilde", sie lassen uns keine Alternative, als massive Bombardements durchzuführen,
in denen zu unserem großen Bedauern Tausende von Frauen, Kinder und unbewaffneten
Männer verletzt oder gar getötet werden.
In diesem Krieg – wie in allen modernen Kriegen - spielt die Propaganda eine große Rolle.
Das reale Kräfteverhältnis zwischen der israelischen Armee mit ihren Kampfflugzeugen,
Drohnen, Kriegsschiffen, Panzern, ihrer Artillerie einerseits und den paar Tausend leicht
bewaffneten Hamaskämpfer ist 1.000:1, wenn nicht sogar 1.000.000:1. Auf der politischen
Ebene ist der Unterschied vielleicht sogar noch größer. Aber im Propagandakrieg ist der
Unterschied grenzenlos.
Fast alle westlichen Medien wiederholten anfangs die offizielle israelische Propagandalinie.
Sie ignorierten fast völlig die palästinensische Seite der Geschichte, ebenso wie die täglichen
Demonstrationen des israelischen Friedenslagers. Die Gründe der israelischen Regierung
("Der Staat muss seine Bürger gegen die Kassam-Raketen schützen") wurde wie die reine
Wahrheit akzeptiert. Der Blickwinkel von der anderen Seite, dass die Kassams nämlich nur
eine Antwort auf die Belagerung seien, die anderthalb Millionen Menschen im Gazastreifen
an die Grenze des Verhungerns bringt, wurde überhaupt nicht erwähnt.
Erst als die schrecklichen Szenen aus dem Gazastreifen auf den westlichen Bildschirmen zu
erscheinen begannen, fing die öffentliche Meinung der Welt langsam an sich zu verändern.
Die westlichen und israelischen Fernsehkanäle zeigten zwar nur einen winzigen Teil des
entsetzlichen Geschehens, das jeden Tag 24 Stunden lang auf dem arabischen Sender Al-
Dschasira zu sehen ist, aber ein Bild eines toten Babys in den Armen seines in Angst und
Schrecken versetzten Vaters ist mächtiger als Tausend elegant formulierte Sätze des
israelischen Armeesprechers. Und das ist letztendlich entscheidend.
Der Krieg – jeder Krieg – ist ein Lügenreich. Ob dies nun Propaganda oder psychologische
Kriegsführung genannt wird, jeder akzeptiert, dass es richtig ist, für sein Land zu lügen. Jeder,
der die Wahrheit sagt, riskiert, als Verräter gebrandmarkt zu werden.
Das Problem ist, dass Propaganda zuerst und vor allem den Propagandisten selbst überzeugt. Und nachdem man sich selbst davon überzeugt hat, dass die Lüge die Wahrheit und die
Verfälschung die Realität ist, kann man keine vernünftigen Entscheidungen mehr treffen.
Ein Beispiel für diesen Prozess lieferte die bis jetzt erschreckendste Gräueltat dieses Krieges:
das Beschießen der UN-Fakhura-Schule im Jabaliya-Flüchtlingslager.
Kurz nachdem dieser Vorfall weltweit bekannt wurde, "enthüllte" die Armee, dass
Hamaskämpfer von einem Vorplatz der Schule aus Mörsergranaten abgeschossen hätten. Als
Beweis veröffentlichte man eine Luftaufnahme, auf der tatsächlich die Schule und der Mörser
zu sehen waren. Aber innerhalb kurzer Zeit musste der offizielle Armeelügner zugeben, dass
das Photo älter als ein Jahr sei. Also eine Fälschung.
Später behauptete der offizielle Lügner, dass "unsere Soldaten aus dem Inneren der Schule"
beschossen worden seien. Aber kaum einen Tag danach musste die Armee dem UN-Personal
gegenüber zugeben, dass auch dies eine Lüge gewesen war. Keiner hatte aus der Schule
geschossen, keine Hamaskämpfer waren in der Schule, die voll verängstigter Flüchtlinge war.
Aber das Eingeständnis wurde kaum mehr wahrgenommen. Zu diesem Zeitpunkt war die
israelische Öffentlichkeit vollkommen davon überzeugt, dass "aus der Schule geschossen
worden war" - und Fernsehsprecher zitierten dies als einfache Tatsache.
Genau so ging es mit den anderen Gräueltaten. Jedes Baby wurde im Augenblick seines
Todes zu einem Hamas-Terroristen. Jede zerbombte Moschee wurde sofort zu einer
Hamasbasis; jedes Wohngebäude zu einem Waffenversteck; jede Schule zu einem
Terrorkommandoposten; jedes zivile Regierungsgebäude zu einem "Herrschaftssymbol der
Hamas". Auf diese Weise blieb die israelische Armee die "moralischste Armee der Welt".
Die Wahrheit ist, dass die Gräueltaten eine direkte Folge des Kriegsplanes waren
Dies wirft ein Licht auf die Persönlichkeit Ehud Baraks – eines Mannes, dessen Denk- und
Handlungsweisen ein klarer Beweis für das ist, was "moralischer Irrsinn" genannt wird.
Das wirkliche Ziel - abgesehen davon, mehr Sitze bei den kommenden Wahlen zu gewinnen -
ist die Beendigung der Hamasherrschaft im Gazastreifen. In der Vorstellung der Kriegsplaner,
sieht die Hamas wie ein Eindringling aus, der fremdes Land kontrolliert. Die Wirklichkeit
sieht natürlich ganz anders aus.
Die Hamasbewegung hat bei den ausgesprochen demokratischen Wahlen, die 2006 in der
Westbank, in Ostjerusalem und im Gazastreifen stattgefunden haben, die Mehrheit der
Stimmen gewonnen. Sie gewann, weil die Palästinenser zur Schlussfolgerung gekommen
waren, dass die Fatah durch ihre friedliche, also gewaltfreie Herangehensweise nichts von
Israel erreicht hat – weder den Stopp des Siedlungsbaus noch irgendeinen bedeutsamen
Schritt in Richtung eines Endes der Besatzung oder der Schaffung des palästinensischen
Staates. Die Hamas ist tief in der Bevölkerung verwurzelt – nicht nur als
Widerstandsbewegung, die den fremden Besatzer bekämpft so wie einst die (jüdische) Irgun
und die Sterngruppe –, sondern auch als eine politische und religiöse Organisation, die im
sozialen, schulischen und medizinischen Bereich aktiv ist.
Vom Standpunkt der Bevölkerung sind die Hamaskämpfer keine Fremdkörper, sondern die
Söhne einer jeden Familie im Gazastreifen wie auch in den anderen palästinensischen
Gebieten. Sie verstecken sich nicht "inmitten der Bevölkerung", die Bevölkerung sieht sie als
ihre einzigen Verteidiger an.
Deshalb gründet sich die ganze Operation auf irrigen Vermutungen. Das Leben der
Bevölkerung in eine Hölle zu verwandeln, wird die Bevölkerung nicht dahin bringen, sich
gegen die Hamas zu erheben, sondern das Gegenteil erreichen, sie vereinigt sich hinter der
Hamas und verstärkt ihre Entscheidung, sich nicht zu ergeben. Die Bewohner von Leningrad
haben sich nicht gegen Stalin erhoben, so wenig wie die von London gegen Churchill.
Derjenige, der den Befehl für solch einen Krieg mit solchen Methoden in einem dicht
bevölkerten Gebiet gegeben hat, weiß, dass dieser ein entsetzliches Gemetzel unter der
Zivilbevölkerung anrichten wird. Anscheinend hat ihm dies nichts ausgemacht. Oder er
glaubt, "dies wird ihr Verhalten verändern" und " es wird ihr Bewusstsein verändern", so dass
sie zukünftig Israel nicht mehr zu widerstehen wagen würden.
Die Hauptsache für die Kriegsplaner war, die Todesrate unter den eigenen Soldaten so gering wie möglich zu halten, da sie wussten, dass die Stimmung eines großen Teils der Pro-KriegÖffentlichkeit
sich ändern würde, sobald Berichte über eigene Todesopfern kommen würden. So war es beim ersten und zweiten Libanonkrieg.
Diese Einstellung spielte eine besonders wichtige Rolle, weil der ganze Krieg ein Teil der
Wahlkampagne ist. Ehud Barak, der in den ersten Tagen des Krieges in den Umfragen
gewonnen hatte, wusste, dass seine Werte fallen würden, sobald Bilder mit toten Soldaten die
Fernsehschirme füllen würden.
Deshalb wurde eine neue Doktrin formuliert: um Verluste unter unseren Soldaten zu
vermeiden, solle alles, was in ihrem Weg steht, total zerstört werden. Die Planer waren also
nicht nur bereit, 80 Palästinenser zu töten, um einen israelischen Soldaten zu retten, wie es
schon geschehen ist, sondern auch 800. Die Vermeidung von Todesfällen auf unserer Seite ist
der vordringlichste Befehl, der Rekordzahlen von zivilen Toten auf der andern Seite
verursachte.
Dies bedeutete die bewusste Entscheidung für eine besonders grausame Kriegsführung – und
das war ihre Achillesferse.
Eine Person ohne Fantasie wie Barak (sein Wahlslogan heißt: "Nicht ein netter Kerl, sondern
ein Führer") kann sich nicht vorstellen, wie anständige Leute rund um den Globus auf solche
Aktionen wie die Tötung ganzer Großfamilien, die Zerstörung der Häuser über den Köpfen
ihrer Bewohner, auf die Reihen von Jungen und Mädchen in Leichensäcken, auf die Berichte über Leute, die tagelang zu Tode bluten, weil die Krankenwagen nicht zu ihnen durchgelassen
werden, auf das Töten von Ärzten und Sanitätern, die auf dem Weg sind, Leben zu retten, auf
Berichte über das Erschießen von UN-Fahrern, die Lebensmittel bringen, reagieren. Die Fotos
aus den Krankenhäusern mit den Toten, Sterbenden und Verletzten, die aus Platzmangel alle
zusammen auf dem Fußboden liegen, haben die Welt erschüttert. Kein Argument hat die Kraft
eines Bildes von einem verwundeten kleinen Mädchen, das dort auf dem Boden liegt, sich vor
Schmerzen krümmt und "Mama! Mama"! schreit.
Die Kriegsplaner dachten, sie könnten die Welt daran hindern, solche Bilder zu sehen, wenn
sie die Presse gewaltsam davon abhalten, zum Schauplatz der Kämpfe zu gelangen. Die
israelischen Journalisten waren zu ihrer Schande damit einverstanden, die Berichte und
Photos zu bringen, die sie vom Armeesprecher erhielten, als ob dies authentische Nachrichten
seien, während sie selbst meilenweit von den Ereignissen entfernt blieben. Ausländische
Journalisten wurden gar nicht erst zugelassen, bis sie protestierten und dann zu kurzen
ausgewählten und überwachten Trips mitgenommen wurden. Aber in einem modernen Krieg
kann eine solch sterile und fabrizierte Sicht alle anderen Perspektiven nicht vollständig
ausschließen. Die Kameras sind im Gazastreifen mitten in der Hölle und können nicht
kontrolliert werden. Der arabische Sender Alj-Dschasira bringt die Bilder rund um die Uhr
und erreicht jedes Haus.
Die Schlacht um den Fernsehschirm ist eine der entscheidenden Schlachten des Krieges
Hunderte Millionen Araber von Mauretanien bis zum Irak, mehr als eine Milliarde Muslime
von Nigeria bis Indonesien sehen diese Bilder und sind geschockt. Dies hat eine große
Auswirkung auf den Krieg. Viele der Fernsehzuschauer sehen die Herrscher Ägyptens,
Jordaniens und der Palästinensischen Behörde als Kollaborateure Israels, das diese
Gräueltaten gegen ihre palästinensischen Brüder ausführt.
Die Sicherheitsdienste der arabischen Regime registrieren eine gefährliche Unruhe in der
Bevölkerung. Hosni Mubarak, der aufgrund der von ihm zu verantwortenden Schließung des
Rafah-Grenzüberganges angesichts panischer Flüchtlinge verantwortlich ist, der exponierteste
aller arabischen Führer, begann Druck auf die Entscheidungsträger in Washington auszuüben,
die bis jetzt alle Aufrufe für eine Feuerpause blockiert hatten. Diese verstanden langsam die
Gefahr für die amerikanischen Interessen in der arabischen Welt und veränderten auf einmal
ihre Haltung, was unter den selbstzufriedenen israelischen Diplomaten Bestürzung hervorrief.
Leute mit "moralischem Irrsinn" können die Motive normaler Menschen nicht verstehen und
müssen ihre Reaktionen erraten. "Wie viele Divisionen hat der Papst?", spottete Stalin. "Wie
viele Divisionen haben die Menschen mit Gewissen?", könnte Ehud Barak nun fragen.
Wie sich herausstellt, haben sie einige. Nicht sehr viele. Und sie reagieren auch nicht sehr
schnell. Sie sind auch nicht stark und gut organisiert. Aber in einem bestimmten Moment,
wenn die Gräueltaten überhand nehmen und die Massen der protestierenden Demonstranten
zusammenkommen, kann dies einen Krieg entscheiden.
Ein Verbrechen gegen den Staat Israel
Das Versagen, das Wesen der Hamas zu begreifen, hat auch ein weiteres Versagen verursacht,
nämlich die voraussagbaren Folgen zu verstehen: nicht nur dass Israel den Krieg nicht
gewinnen kann - die Hamas kann ihn auch gar nicht verlieren.
Selbst wenn es der israelischen Armee gelingen sollte, jeden Hamaskämpfer bis zum letzten
Mann zu töten, selbst dann würde die Hamas siegen. Die Hamaskämpfer würden für die
arabische Nation als Vorbilder dastehen, als die Helden des palästinensischen Volkes, als
Vorbilder, denen jeder junge Mann in der arabischen Welt nacheifern sollte. Die Westbank
würde wie eine reife Frucht in die Hände der Hamas fallen. Die Fatah würde in einem Meer
der Verachtung untergehen, die arabischen Regime wären in Gefahr zusammenzubrechen.
Falls der Krieg mit einer noch aufrecht stehenden, wenn auch blutenden, aber unbezwungenen
Hamas endet – angesichts einer so mächtigen Militärmaschine wie der israelischen -, dann
würde dies wie ein fantastischer Sieg aussehen, wie ein Sieg des Geistes über das Material.
Was sich in das Bewusstsein der Welt einprägen wird, wird das Image von Israel als
blutrünstigem Monster sein, das bereit ist, jeden Augenblick Kriegsverbrechen zu begehen,
und nicht bereit ist, sich an moralische Einschränkungen zu halten. Dies wird langfristig
gesehen schwerwiegende Konsequenzen für unsere Zukunft, für unsere Position in der Welt
haben und für unsere Chancen, Frieden und Ruhe zu erlangen.
Am Ende ist dieser Krieg auch ein Verbrechen gegen uns selbst, ein Verbrechen gegen den
Staat Israel.
Uri Avnery
12.01.2009
Aus dem Englischen übersetzt von Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert.
Foto: Hasan Maksud
Wer ist...
Uri Avnery (1) ist Gründer der Friedensbewegung Gush Shalom (2). Der langjährige Knesset-Abgeordnete Avnery, 1923 in Beckum geboren und 1933 nach Palästina ausgewandert, gehört
seit Jahrzehnten zu den profiliertesten Personen der israelischen Politik. Er ist durch seine
kämpferisch-kritische Begleitung der offiziellen israelischen Regierungspolitik weit über die
Grenzen seines Landes hinaus bekannt geworden. Für sein Engagement für den Frieden im Nahen Osten sind ihm zahlreiche Auszeichnungen zuerkannt worden.
Links:
(1) www.uri-avnery.de
(2) www.gush-shalom.org |