| 27.02.2006
Die Imam-Ausbildung in Deutschland
Ginge es nach den Wünschen der großen deutschen islamischen Organisationen, würden längst auch in Deutschland Imame ausgebildet. Aber anders als in Nachbarstaaten wie den Niederlanden oder Österreich ist man in Deutschland von der Verwirklichung des Wunsches noch weit entfernt; in Wien bereitet etwa die "Islamische Religionspädagogische Akademie" schon seit 1998 mit staatlicher Finanzunterstützung Muslime auf den Beruf als Imam vor. In Deutschland kommen die meisten muslimischen Prediger und Seelsorger weiterhin aus der Türkei. Nur der "Verband der Islamischen Kulturzentren" (VIKZ) bildet für seine rund 300 Gemeinden selbst Imame aus. Unterrichtssprachen des dreijährigen Kurses in Köln sind aber Türkisch und Arabisch. Die meisten angehenden Imame stammen nach Angaben eines VIKZ-Sprechers zwar aus der Türkei. Sie sind aber in Deutschland aufgewachsen, zur Schule gegangen und daher mit Sprache und Gesellschaft vertraut.
Das ist bei den etwa 600 Imamen des mit insgesamt knapp 900 Moscheen größten islamischen Verbands in Deutschland, die "Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion" (Ditib) nicht der Fall: Sie haben alle in der Türkei studiert, woher sie auch stammen. Jetzt versucht Ditib zumindest, türkischstämmigen muslimischen Abiturienten aus Deutschland ein Theologiestudium in der Türkei zu ermöglichen. Danach sollen sie als Imame nach Deutschland zurückkehren. Noch müsse aber ein Ausschuß in der Türkei über ihre Zulassung entscheiden, sagt der Ditib-Dialogbeauftragte Bekir Alboga. Nach seinen Worten sind die Ditib-Gemeinden auf die personelle Hilfe aus der Türkei angewiesen; das türkische Amt für religiöse Angelegenheiten (Diyanet) entsendet die Imame in der Regel für vier Jahre nach Deutschland und bezahlt sie auch. Finanziell wären die ehrenamtlich tätigen Gemeinden sonst überfordert.
Für viele andere aus der Türkei stammende Imame ist der Aufenthalt in Deutschland schon rechtlich ein Problem. Eine größere Zahl kommt daher nur für kürzere Zeit oder pendelt. Denn sie erhalten ein Visum für drei Monate und müssen dann erst einmal in die Türkei zurück; die Imame der Ditib entsendet dagegen die türkische Religionsbehörde, und sie können daher länger bleiben. Eine kontinuierliche Arbeit in den Gemeinden ist daher oft nur schwer möglich. Da die meisten Moscheegemeinden über wenig Geld verfügen, können sie ihre Imame zudem nur schlecht bezahlen. Manche Imame sind deshalb nur nebenberuflich tätig. Für in Deutschland aufgewachsene Muslime ist der Beruf daher materiell nicht attraktiv.
Als eine der größten Herausforderungen bezeichnet der stellvertretende Generalsekretär der "Islamischen Gemeinschaft Milli Görüs" (IGMG), Mustafa Yeneroglu, die seelsorgerische Betreuung der Muslime in Deutschland. In seinem Verband angeschlossenen Gemeinden sind derzeit 517 Imame im Einsatz, nur etwa zehn Prozent davon wurden in Deutschland oder Westeuropa ausgebildet, die meisten in der Türkei oder der arabischen Welt. Dabei könne es aber nicht bleiben: "Es ist absolut unumgänglich, hier in Europa Imame auszubilden, die die Sprache ihrer Länder sprechen", verlangt er. Denn die in der Türkei aufgewachsenen und ausgebildeten Imame tun sich nach seiner Ansicht in ihren deutschen Gemeinden oft schwer. Sie stoßen auf eine andere Welt. IGMG versucht deshalb auch, Absolventen religionswissenschaftlicher Studiengänge selbst weiterzubilden; Lehrstühle dafür wurden zuletzt in Münster und Frankfurt (von Diyanet gestiftet) eingerichtet.
Eine Imamausbildung in Deutschland halten auch die beiden Dachverbände Islam- und Zentralrat für sinnvoll. Über Organisation und Inhalte gibt es jedoch unter Muslimen noch keinen Konsens. Den hält Ditib nicht für zwingend. "Ditib ist ein solider Ansprechpartner, der auf dem Boden des Grundgesetzes steht und mehr als die Hälfte aller Muslime vertritt", sagt Bekir Alboga. (hcr.)
FAZ, 27.02.2006, Nr. 49 / Seite 5 |