| Aufruf der Migrantenbeauftragten der Regierung
„Religiöse Vielfalt
statt Zwangsemanzipation!“
- Aufruf wider eine Lex Kopftuch -
Das Kopftuch-Urteil des Bundesverfassungsgerichts
hat eine breite Diskussion ausgelöst. Bei allem Verständnis
für diese Meinungsvielfalt sehen wir doch mit Sorge,
welche Richtung diese Diskussion an vielen Stellen nimmt und
wie Islam und Fundamentalismus oft undifferenziert gleichgesetzt
werden. Letztendlich geht es bei der Debatte wiederum um die
Frage, ob wir zu einem gleichberechtigten Miteinander der
Religionen in unserer Einwanderungsgesellschaft bereit sind.
Sicherlich: Die Politisierung des Glaubens macht
den Umgang mit dem Islam insgesamt und in Deutschland nicht
einfach. Wir wissen um die demokratiefeindlichen, antisemitischen
und frauenfeindlichen Strömungen im Islam, die nicht
zu unserem Menschenbild und Verständnis von Emanzipation
und Modernität passen. In Fragen der Werteordnung unserer
Grundrechte gibt es keinen Spielraum. Wir alle verteidigen
diese Rechte mit Entschiedenheit. Differenzen gibt es aber
in der Frage, welches der bessere Weg ist.
Kopftuch, Schleier und Burka sind für islamische
Fundamentalisten Instrumente zur Unterdrückung der Frau
und unverzichtbare politische Symbole. Das Tuch auf dem Kopf
einer Frau kann also ein politisches Symbol sein.
Klar ist daher: Sollte eine Kopftuchträgerin
in eben dieser Weise in einer Schule agieren wollen, ist sie
für den Beruf der Lehrerin nicht geeignet. Diesen Frauen
sollte und kann mit Hilfe der individuellen Eignungsprüfung
und dem Disziplinarrecht Einhalt geboten und sie so vom Schulunterricht
ferngehalten werden.
Wir wissen allerdings auch: Nicht jede muslimische Frau, die
sich für das Kopftuch entscheidet, vertritt den politischen
Islam oder sympathisiert mit ihm. Gerade Frauen in der Diaspora
greifen auf das Kopftuch zurück, um mit Selbstbewusstsein
ihr Anderssein zu markieren oder eine Differenz im Verständnis
von Sittsamkeit und Tugendhaftigkeit gegenüber der Aufnahmegesellschaft
zu dokumentieren. Emanzipation und Kopftuch sind für
viele Musliminnen eben kein Widerspruch.
Wenn wir ohne Prüfung der individuellen
Motive generell Frauen mit Kopftuch vom öffentlichen
Schulleben ausschließen, treffen wir gerade die Frauen,
die mit ihrem Streben nach Berufstätigkeit einen emanzipatorischen
Weg beschreiten wollen.
Da das Kopftuch ein geschlechtsspezifisches
Merkmal ist, treffen wir zudem immer nur Frauen und nie den
Mann – weder als Unterdrücker noch als politisch
Agierenden. Um männliche islamische Fundamentalisten
vom Schuldienst fernzuhalten, stehen uns die – wie wir
finden auch für Frauen ausreichenden – Instrumente
der individuellen Eignungsprüfung und des Disziplinarrechts
zur Verfügung.
Es steht zu befürchten, dass das Verbot des Kopftuchs
für Lehrerinnen die allgemeine gesellschaftliche Stigmatisierung
derjenigen Frauen, die es tragen, vorantreibt. Mit der Botschaft,
das Kopftuch sei per se politisch und gehöre daher verboten,
wird diese Einordnung auch die Frau in der Arztpraxis, die
Verkäuferin und vielleicht bald auch die Schülerin
treffen. Dies kann nicht in unserem Sinne sein. Es gilt, muslimische
Frauen auf ihrem Berufsweg zu stärken und es ihnen damit
möglich zu machen, einen selbstbewussten, frei gewählten
Lebensentwurf zu verfolgen.
Durch ein Kopftuchverbot würden sich viele
Muslime in der Einschätzung bestärkt fühlen,
sie seien gesellschaftlich ausgegrenzt und chancenlos. Auf
Ausgrenzungserfahrungen folgt häufig der Rückzug
aus der Mehrheitsgesellschaft. Undemokratische islamische
Organisationen wissen dies auszunutzen, dies ist der Nährboden
für radikale Gesinnungen.
Nur wenn wir deutlich machen, dass wir nicht
den Islam als Religion ablehnen, sondern uns gegen Fundamentalismus
und antidemokratische Einstellungen verwahren, werden wir
die Auseinandersetzung um den politischen Islam gemeinsam
mit der muslimischen Bevölkerung führen können.
Jenseits der Frage, ob man für eine striktere
Säkularisierung der Institution Schule eintritt oder
auch dort die religiöse Pluralität unserer Gesellschaft
sichtbar werden lassen will, ist die Gleichbehandlung aller
Religionsgemeinschaften verfassungsrechtlich geboten. Eine
unterschiedliche Behandlung islamischer Symbole gegenüber
den christlichen und jüdischen ist integrationspolitisch
äußerst problematisch, verstärkt Konflikte
statt sie zu reduzieren. Ein von einem generellen Verdachtsmoment
abgeleitetes Kopftuchverbot, das zudem noch geschlechtsspezifisch
wirkt, wäre eine religiös bedingte Diskriminierung
mit praktischen Berufsausschluss.
Weil in vielen islamischen Ländern Frauen
und Mädchen gezwungen werden, ein Kopftuch zu tragen,
wollen wir sie zwingen, es abzusetzen. Fällt uns wirklich
nichts Besseres ein, um ihnen zu mehr Bildung und Selbstbestimmung
zu verhelfen? Oder wollen wir gar mit dem Kopftuchverbot alle
religiösen Symbole in Bildungseinrichtungen verbieten?
Wir appellieren an Politik und Gesellschaft,
die Gleichstellung von muslimischen Mädchen und Frauen
nicht am Nein zum Kopftuch fest zu machen.
Unterzeichnerinnen:
- Marieluise Beck MdB, Beauftragte der Bundesregierung
für Migration, Flüchtlinge und Integration
- Prof. Dr. Barbara John, Koordinatorin für Sprachförderung,
Ausländerbeauftragte des Berliner Senats a.D.
- Prof. Dr. Rita Süssmuth, Vorsitzende des Sachverständigenrates
für Zuwanderung und Integration, Präsidentin des
Deutschen Bundestages a.D.
- Sabine Bätzing MdB, SPD
- Almuth Berger, Ausländerbeauftragte des Landes Brandenburg
- Grietje Bettin MdB, Bündnis 90/Die Grünen
- Marianne Birthler, Die Bundesbeauftragte für die
Unterlagen des Staatsicherheitsdienstes der ehemaligen Deutschen
Demokratischen Republik
- Maren Bock, Geschäftsführerin belladonna, Kultur-
und Bildungszentrum für Frauen e.V., Bremen
- Prof. Dr. Ursula Boos-Nünning, Universität Duisburg/Essen,
Fachbereich Migrationspädagogik
- Karin Bräuer, Pädagogikreferentin im Ev. Missionswerk
in Deutschland
- Nicola Bramigk, Designerin, Berlin
- Renan Demirkan, Schauspielerin und Autorin
- Fanny Dethloff, Pastorin, Flüchtlingsbeauftragte
der Nordelbischen Ev.-Luth. Kirche
- Dr. Havva Engin, Technische Universität Berlin,
Fachbereich Erziehungswissenschaften
- Gisela Erler, Geschäftsführerin pme Familienservice
GmbH
- Ursula Ernst, AWO, Region Hannover, Leiterin Wohnheim
für Flüchtlinge und Asylbewerber
- Gabriele Erpenbeck, Ausländerbeauftragte des Landes
Niedersachsen
- Bärbel Fünfsinn, Theologische Referentin im
Nordelbischen Missionszentrum, Referat Lateinamerika/Gender
und Ökumenische Beziehungen, Hamburg
- Dr. h.c. Liselotte Funcke, Staatsministerin a.D., Beauftragte
der Bundesregierung für Ausländerfragen a.D.
- Prof. Dr. Ute Gerhard, Universität Frankfurt, Schwerpunkt
Frauenarbeit/ Frauenbewegung
- Adrienne Goehler, Kuratorin beim Hauptstadtkulturfond,
Wissenschafts- und Kultursenatorin a.D.
- Prof. Dr. Ingrid Gogolin, Universität Hamburg, Institut
für Schulpädagogik
- Angelika Graf MdB, SPD
- Angelika Gramkow MdL, Fraktionsvorsitzende der PDS im
Landtag von Mecklenburg- Vorpommern
- Prof. Dr. Carol Hagemann-White, Universität Osnabrück,
Fachbereich Erziehungsund Kulturwissenschaften
- Anja Hajduk MdB, Bündnis 90/Die Grünen, Landesvorsitzende
Hamburg
- Josefine Hallmann, Vorsitzende der ev. Frauenarbeit in
Deutschland e.V.
- Christine Hoffmann, Referentin für Jugend- und Frauenpolitik
des Bundes der deutschen katholischen Jugend Bundesvorstandes
- Marianne Hürten MdL, Bündnis 90/Die Grünen
NRW, Frauenpolitische Sprecherin
- Maria Jepsen, Bischöfin, Nordelbische Evangelisch-Lutherische
Kirche, Bischofskanzlei im Sprengel Hamburg
- Dr. Gerdien Jonker, Ph.D., Religionswissenschaftlerin
- Dr. Yasemin Karakasoglu, Universität Duisburg/Essen,
Fachbereich Migrationspädagogik
- Ingeborg Kerssenfischer, Leiterin des Frauenreferates
der Nordelbischen Evangelisch- Lutherischen Kirche
- Elisa Klapheck, Chefredakteurin "jüdisches
berlin"
- Dr. Heidi Knake-Werner, Senatorin für Gesundheit,
Soziales und Verbraucherschutz in Berlin, PDS
- Irmgard Koll, Dipl.-Dolmetscherin, Bundesvorstand Humanistische
Union
- Dr. Dorothea Kolland, Kulturamtsleiterin Berlin/Neukölln,
Mitglied im Vorstand der Kulturpolitischen Gesellschaft
- Phuong Kollath, Vorstandsmitglied Dien Hong – Unter
einem Dach e.V.
- Renate Künast MdB, Bündnis 90/Die Grünen
- Ingrid Lange, Bürgermeisterin der Landeshauptstadt
Hannover, Bündnis 90/Die Grünen
- Dr. Silke Ruth Laskowski, Universität Hamburg, Geschäftsführerin
der Forschungsstelle für Rechtsfragen der Internationalen
Migration
- Christine Lehder MdB, SPD
- Sabine Leutheusser-Schnarrenberger MdB, FDP, Bundesjustizministerin
a.D., Landesvorsitzende der FDP Bayern
- Prof. Dr. Hanna Liss, Hochschule für Jüdische
Studien Heidelberg
- Sylvia Löhrmann MdL, Fraktionsvorsitzende von Bündnis
90/Die Grünen im Landtag von Nordrhein-Westfalen
- Dr. Christine Lucyga MdB, SPD
- Anna Lührmann MdB, Bündnis 90/Die Grünen
- Coletta Manemann, Landesgeschäftsführerin des
Verbandes binationaler Familien und Partnerschaften, iaf
e.V./NRW
- Margret Mönig-Raane, Stellvertretende Vorsitzende
der Vereinten Dienstleistungsgewerkschaft (Ver.di)
- Schwester Barbara Müller, Dipl. Psychologin und
Dipl. Theologin, Oberstudienrätin i.R.
- Prof. Dr. Ursula Neumann, Universität Hamburg, Fachbereich
Erziehungswissenschaft
- Laila Noor, Modedesignerin, Bremen
- Brunhilde Raiser, Vorsitzende der Evangelischen Frauenhilfe
in Deutschland e.V.
- Friedericke Raum-Blöcher, Pastorin für Verständigungsarbeit,
Hamburg-Wilhelmsburg
- Katja Riemann, Schauspielerin und Sängerin
- Prof. Dr. Birgit Rommelspacher, Alice Salomon Hochschule
Berlin
- Claudia Roth MdB, Bündnis 90/Die Grünen, Beauftragte
der Bundesregierung für Menschenrechtspolitik und humanitäre
Hilfe im Auswärtigen Amt
- Katharina Rutschky, Publizistin
- Krista Sager MdB, Bündnis 90/Die Grünen, Wissenschaftssenatorin
a.D.
- Dr. Irmgard Schwaetzer, Bundesministerin a.D., FDP
- Ulrike Seemann-Katz, Landesgeschäftsführerin
Bündnis 90/Die Grünen, Mecklenburg- Vorpommern
- Anna Siegismund, internationales Model, vivamodels Berlin
- Maria Siegismund, internationales Model, vivamodels Berlin
- Cornelia Spohn, Bundesgeschäftsführerin des
Verbandes binationaler Familien und Partnerschaften, iaf
e.V.
- Dr. Eva-Maria Stange, Vorstandsvorsitzende der GEW
- Marianne Theil, Vorstandsmitglied Aktion Courage e.V.
- Angelika Voland MdL, SPD Landtagsfraktion Mecklenburg-Vorpommern
- Sybille Volkholz, Bildungskommission der Heinrich-Böll-Stiftung
- Bärbel Wartenberg-Potter, Bischöfin für
den Sprengel Holstein-Lübeck
- Beate Weber, Oberbürgermeisterin der Stadt Heidelberg,
SPD
- Prof. Dr. Rosemarie Will, Stellvertretende Vorsitzende
des Bundesvorstandes Humanistische Union
- Rosi Wolf-Almanasreh de C. Esteves, Gründerin Verband
binationaler Familien und Partnerschaften, iaf e.V., ehemalige
Leiterin des Amtes für multikulturelle Angelegenheiten
der Stadt Frankfurt am Main
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