| 03.02.2006
Provokation und blinde Wut
Die Karikaturen-Katastrophe
Bei flüchtigem Hinsehen ist alles klar: Im Streit um die Mohammed-Karikaturen steht der freie Westen gegen die islamische Welt. Oder nicht? Udo Steinbach, der Direktor des Deutschen Orient-Instituts, nennt die dänischen Mohammed-Karikaturen eine "gezielte Provokation". Da hat er vermutlich Recht. Die Zeitung "Jyllands-Posten" ist jedenfalls bisher weder als liberales Satireblatt noch als Förderer des Zusammenlebens von Dänen und Migranten aufgefallen.
Gleiches gilt für Ministerpräsident Anders Fogh Rasmussen und seine Minderheitsregierung aus Rechtsliberalen und Konservativen, die auf die Unterstützung der ausländerfeindlichen Dänischen Volkspartei angewiesen ist. Als Rasmussen Ende 2005 von elf Botschaftern um ein Gespräch über die Karikaturen gebeten wurde, lehnte er ab. Jetzt will der Premier gleich mit allen in Kopenhagen ansässigen Botschaftern reden. Zu spät: Saudi-Arabien, Kuwait, Libyen und Syrien haben ihre Botschafter bereits abgezogen.
Die dänische Regierung, die seit Jahren einen rhetorisch und politisch scharfen Kurs in Sachen Ausländerrecht fährt, hat die Sensibilität des Themas lange verkannt. "Jyllands-Posten" wiederum hat mit der Veröffentlichung der Karikaturen ein Echo provoziert, von dem das Blatt selbst überrascht wurde. Der Chefredakteur sagte, er hätte vor vier Monaten niemals die Zustimmung zum Abdruck der Zeichnungen gegeben, wenn ihm die Folgen damals schon klar gewesen wären. Seine Wortwahl deutet dennoch darauf hin, dass bewusst eine Art Kulturkampf provoziert werden sollte. "Ich muss zutiefst beschämt zugeben, dass die anderen gewonnen haben."
Soweit die dänische Seite. Aus islamischen Ländern kommen Fernsehbilder von Demonstranten, die mit ihren Schuhen auf die dänische Flagge schlagen. Bewaffnete Palästinenser besetzen ein bereits geräumtes EU-Büro. Im Westjordanland wird ein Deutscher kurzzeitig entführt. In Jakarta versucht ein Mob, die dänische Botschaft zu stürmen.
Die Arabische Liga fordert von der dänischen Regierung, die Verantwortlichen zu bestrafen. Eine staatliche ägyptische Zeitung glaubt: "Es geht nicht mehr um die Freiheit der Gedanken oder der Meinungen und Überzeugungen. Es handelt sich um eine Verschwörung gegen den Islam und die Moslems, deren Vorbereitung vor vielen Jahren begonnen wurde."
Und nun? Natürlich ist schon die Forderung nach Bestrafung der Mitarbeiter von "Jyllands-Posten" absurd. Auch ändert der politische Hintergrund dieser Zeitung selbstverständlich nichts daran, dass der Westen seine Presse- und Meinungsfreiheit nicht einschränken darf, kann und will. Hierzulande wird die Beschimpfung von Religionen seit 1969 nur noch dann mit Geld- oder Freiheitsstrafe verfolgt, wenn der öffentliche Friede gestört wird. Geschützt wird also das religiöse Empfinden der Mitmenschen; Gott hat kein Recht auf Schutz. In Saudi-Arabien, Iran und Pakistan sind die Gesetze weniger liberal. Dort kann Blasphemie mit dem Tode bestraft werden.
Bei so unterschiedlichen Positionen ist ein Kompromiss ausgeschlossen. Gerade deshalb ist der aktuelle Streit um die Mohammed-Karikaturen eine Katastrophe. In blinder Wut ist die islamische Welt in die Falle getappt. Aber vielleicht, vielleicht ist der Streit hilfreich. Vielleicht entzündet sich der nächste Streit nicht an einer bewussten Provokation. Vielleicht reagieren Moslems dann mehrheitlich mit friedlichen Protesten. Wer's glaubt, wird selig.
Hubertus Volmer
n-tv.de
03.02.2006
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