| 26.03.2006
Die Muslim-Paranoia der Union
Seit den 68ern hat nichts die Union stärker liberalisiert als die
Muslime." So sprach diese Woche Ali Kizilkaya, der Vorsitzende des
Islamrats. Recht hat er. Die Christdemokraten misten derzeit ihre
letzten konservativen Reste aus, ja, sie erleben eine kleine
Kulturrevolution, einen Liberalisierungsschub aus antiislamischem
Geiste.
Das jüngste Beispiel bot vergangene Woche Innenminister Wolfgang
Schäuble. Der flirtete mit dem niederländischen Modell,
Einbürgerungswilligen Filme mit barbusigen Damen und wild küssenden
Schwulen vorzuspielen, auf daß die Einbürgerungsinteressenten (zumal
die muslimischen) wissen, womit sie sich fortan identifizieren müssen.
Erstaunlich. Jahrzehntelang gehörte das Klagen über die sexualisierte Öffentlichkeit zur rhetorischen Grundausstattung jedes guten
Unionschristen. Nun aber soll er sich dazu bekennen.
Ein anderes Beispiel: Vor zwei Jahren wollte die Unionsfraktion noch
die strafrechtlichen Sanktionen gegen Blasphemie verschärfen und eine
Respektskultur vor dem Heiligen stärken. Nun, da hiesige Muslime diese
Forderung erheben, wollen die Unionsgranden nichts mehr davon wissen.
Plötzlich sieht Bayerns Günther Beckstein im Streit um die
Mohammed-Karikaturen die freiheitlichen Werte des Abendlandes bedroht.
Vor zwei Jahren geboten diese Werte noch ganz anderes: nämlich weniger
Freiheit.
Das bereits klassische Beispiel aber bietet der baden-württembergische
Fragebogen-Plan für Einbürgerungswillige, der Sympathien für
Homosexuelle zur staatsbürgerlichen Pflicht erklärt - wofür das Ländle
sogleich Solidaritätsadressen aus ganz Süddeutschland erhielt. Dabei
hatte Edmund Stoiber vor knapp zwei Jahren noch ankündigt, gegen die
Homo-Ehe klagen zu wollen. Und war es nicht Stoiber, der einst schwor,
bevor er die Homo-Ehe anerkenne, werde er zur Teufelsanbetung
schreiten?
Seit die Angst vor dem erstarkenden Islam Orientierung stiftet,
Identität bietet und zu einer der großen Erzählungen der Gegenwart
aufstieg, klingt das alles ein bißchen anders.
Man kann das bedauern. Man kann das bejubeln. In jedem Falle aber
macht es stutzig: Denn wie echt, wie vertrauenswürdig ist diese neue
Liberalität, wenn sie so deutlich einem Abgrenzungsreflex entspringt?
Und was werden die Unionisten ihrem "Wir-sind-anders-als-die-Muslime"-Rausch noch alles opfern? Bei der
Kopftuchdebatte zeichnet sich bereits ab, wie kopflos diese
Abgrenzungssucht wütet: Weil die Union muslimische Symbole aus den
Schulen verbannen will, jüdische und christliche Symbole aber nicht,
riskieren die CDU-regierten Bundsländer mit ihren Kopftuchverboten den
Verfassungsbruch. Denn das Grundgesetz gestattet keine
Ungleichbehandlung der Konfessionen. Kopftücher raus, Kreuze rein - da
ist die Verfassung vor. Folglich werden bald alle religiösen Symbole
aus den Schulen fliegen. Ist das wünschenswert?
Abgesehen davon, wird sich dieser Kurs bei Wahlen rächen. Noch bringt
der antiislamische Impuls Stimmen. Doch das muslimische
Wählerpotential wächst. Und die Union vergrault es nach Kräften. Dabei
erkennen die Muslim-Verbände zunehmend, daß eher Unionschristen als
Grüne ihre Seelenverwandten sind. Anreize für eine multireligiöseÖffnung der Union gibt es also - wäre da nicht die Hemmung vor diesem
Anderen, Fremden namens Islam. Womöglich regt sich da eine letzte
altkonservative Empfindung. Aber wem dient sie? Einem christlichen
Konservatismus nicht, eher einem Feindbildliberalismus.
von Till-R. Stoldt
Welt am Sonntag, 26.03.2006 |